Oft wird behauptet, Sexualität sei das Natürlichste der Welt. In ihr bestehe eine Schnittstelle zwischen Menschen und allen anderen sich auf diese Art fortpflanzenden Wesen.
Gerät sie aus den Fugen, bedeute dies einen negativen Einfluss der Psychologie gegenüber unserer gemeinsamen „ersten Natur“.
Zum Beispiel ist Sex im Tierreich nie Selbstzweck und unmittelbare Quelle der Lust, sondern ein möglichst kurzes, oft schmerzhaftes und manchmal tödliches Mittel zum Zwecke der Fortpflanzung. Es geht nie – abgesehen von einigen wenigen Primatenarten, die von Verfechtern der Biologisierung der Sexualität gerne zum Stellvertreter für das gesamte Tierreich genommen werden – um den Akt als solches. Er ist kein Ausdruck von Zuneigung oder anderen Gefühlen und Einstellungen. Beim Tier befriedigt er nur den Trieb.
Man könnte also – wie Slavoj Žižek es tut – auch behaupten, Sexualität sei genau die Stelle, wo der Mensch mit der Natur scheidet. Sicherlich besteht eine Restbindung. Gewisse Gemeinsamkeiten zwischen natürlicher Fortpflanzung und menschlicher Sexualität lassen sich noch finden. Es ist ähnlich wie bei der Ernährung: Zwar teilen Menschen mit Tieren die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, aber der Mensch entwickelt seine Ernährung nicht instinktiv, sondern anhand seiner individuellen soziokulturellen Prägungen.
Selbst wenn man diese abziehen würde, ließe sich keine Definition einer „natürlichen menschlichen Ernährung“ finden.
Die gesunde Ernährung des einen Menschen kann den sicheren Tod eines anderen bedeuten. Und damit sind nicht nur die unzähligen Allergien und Unverträglichkeiten gemeint. Stoffwechsel und Verdauung variieren in bei anderen Lebewesen unvorstellbarer Weise. So wie sich der Mensch nicht instinktiv zu bestimmten Nahrungsmitteln hingezogen fühlt, sondern seine kulinarischen Vorlieben kulturell erwirbt, ist auch seine Sexualität nicht naturgegeben, sondern durch Symbole, Erzählungen und gesellschaftliche Strukturen geformt.
Sexkultur
Tiere einer Art haben weder nennenswerte verschiedene Kulturen noch daraus resultierende verschiedene sexuelle Vorlieben. Bis auf unbedeutende Abweichungen sind Dauer, Form und Inhalt jedes tierischen Geschlechtsverkehrs innerhalb der Gattung identisch. Was man vom Menschen beim besten Willen nicht behaupten kann. Hier findet sich eine unendliche Vielfalt an verschiedenen Bedürfnissen, Praktiken und Philosophien. So viele, dass man fragen könnte, ob es beim Menschen überhaupt ein Geschlechtsverkehr ist. Dieser Begriff bezeichnet nämlich einen eher nebensächlichen Aspekt dessen, was menschliche Sexualität ausmacht. Ganz abgesehen davon, dass sexuelle Handlungen in vielen Fällen gar keine Penetration oder anderweitige Stimulation der Geschlechtsorgane beinhalten, schließt keine sexuelle Orientierung alle entsprechenden Individuen mit ein. Ein Beispiel wäre jemand, der sich zu Frauen hingezogen fühlt, aber nur zu einem bestimmten Typ (z. B. starke, dominante Frauen). Anders als in der Tierwelt. Dort wird zwar durch Selektion der bestmögliche Paarungspartner ausgewählt, aber diese Selektion ist eine graduelle. Prinzipiell könnte jedes Individuum des anderen Geschlechts den (Fortpflanzungs-)Trieb befriedigen, wenn kein besseres zur Verfügung stünde. Beim Menschen ist dies nicht der Fall. Ein Mann findet nicht prinzipiell jede Frau geil und andersherum. Der Mensch selektiert nicht anhand genetischer Kompatibilität, sondern ganz individueller Kategorien. Den Satz: „Mit dir würde ich nicht einmal schlafen, wenn du der letzte Mensch auf der Welt wärst“, könnte man Tieren nicht unterstellen. Im Sinne der Fortpflanzung ist der Mensch also hochgradig pervers. Es geht nie um die Sache selbst. Es ist möglich, auch bei Tieren Perversionen – im Sinne einer Verschiebung des Triebes auf andersartige Objekte – zu erzeugen. Es gab zum Beispiel Experimente, bei denen Zebras im erregten Zustand immer wieder bestimmte Objekte gezeigt wurden. Später führten die Objekte selbst zu Erregung. Allerdings steht hinter diesem Phänomen eine aufwendige Manipulation durch den Menschen. Diese Ergebnisse belegen also eher, dass es möglich ist, Tiere mit der menschlichen Perversion zu infizieren, als dass sie von sich aus dazu tendieren würden. Bei Tieren gibt es tatsächlich ein Geschlechterverhältnis. Beim Menschen ist diese Aussage nicht haltbar. Das führt uns zu der Frage, was die menschliche Sexualität letztendlich ausmacht. Wie wird Notwendigkeit zu Erotik?Das Begehren
Der entscheidende Faktor für die menschliche Sexualität ist das Begehren. In diesem Artikel wird versucht, die verschiedenen Dynamiken und Mechanismen des Begehrens zu erfassen. Anhand der Arbeiten von Jacques Lacan und Slavoj Žižek werde ich untersuchen, wie es entsteht, sich entfaltet und in welchem Zusammenhang es zur Sexualität steht. Dafür wird es notwendig sein, sonst zusammenwirkende Phänomene zu trennen. Durch eine isolierte Betrachtung wird ein tieferes Verständnis möglich. Allerdings hat dieses Vorgehen einen Preis, der in der modernen Verherrlichung der Wissenschaft gerne unter den Tisch gekehrt wird. Mit jeder Fokussierung tritt auch eine De-Fokussierung und Verzerrung des Gesamtbildes ein. Theorien sind immer eine Art Karikatur – sie überspitzen einen bestimmten Aspekt, um sichtbar zu machen, was sonst in der Masse verschwimmt.“Alle Erkenntnisse beruhen auf dem Mut, Dinge zu sagen, die im Grunde lächerlich sind.“ – Wie David Graeber sagteTrotzdem kann vor allem für Menschen die ihre eigene Sexualität als nicht ausreichend befriedigend erleben, eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Begehren extrem bereichernd sein. Vorausgesetzt, die abstrakten Theorien werden durch sinnliche Erfahrungen in der eigenen Wirklichkeit überprüft und verbunden. Das reine Intellektualisieren von Problemen ist eine beliebte Strategie, um dem Aufwand echter Veränderung zu vermeiden.
Definition des Begehrens
In diesem Sinne: Das Begehren ist ein dynamisches, unaufhörliches Streben, das die gesamte menschliche Existenz durchzieht. Es entspringt einem dem Menschen immanenten Mangel, wird durch die Phantasie strukturiert und dann mit Objekten des Begehrens verknüpft. Der Mangel ist unstillbar, weshalb ein konkretes Begehren zwar befriedigt werden kann, das Begehren selbst aber nicht. Vereinfacht gesagt ist der Mensch zutiefst davon getrieben ist, eine Lücke in seinem Inneren auszufüllen. Jeder muss selbst entscheiden, ob er diese Lücke als in der conditio humana vorgegeben oder Ergebnis der Sozialisation betrachtet. Gänzlich abzulehnen ist sie meiner Meinung nach nicht. In gedankenlosen oder ekstatischen Zuständen ist es möglich, es zu vergessen, aber irgendwas fehlt immer. Wir alle kennen den Gedanken: „Wenn ich das habe/erreiche/bekomme, dann…“ endlich befriedigt zu sein, sowie seine Falschheit. Zufriedene Menschen unterscheiden sich von den Unzufriedenen lediglich in der Art und Weise, wie sie mit ihrem inhärenten Mangel umgehen, nicht dadurch, dass sie keinen haben.Der Mangel
Nach Lacan ist der Mangel die treibende Kraft hinter dem menschlichen Streben nach mehr. Der Phantasie kommt dabei die Aufgabe zu, für das aus dem Mangel entstehende Begehren ein passendes Objekt auszuwählen. Er spricht von dem Objekt des Begehrens als „Objekt a“. Wir spüren, dass etwas nicht stimmt, etwas fehlt und imaginieren mithilfe der Phantasie eine Ergänzung, die diese Lücke füllen könnte. Dieses imaginierte „Objekt a“ ist jedoch nie wirklich das, was fehlt, sondern lediglich eine Projektion unseres Begehrens. Der Sportwagen, die ideale Liebespartnerin, der soziale Status – all diese Dinge erscheinen als potenzielle Erfüllungen unseres Mangels, doch sobald sie erreicht sind, verschiebt sich die ersehnte Befriedigung erneut auf ein neues Objekt. Sie sind Stellvertreter für den unstillbaren Mangel, der das Begehren antreibt, aber niemals durch seine gefüllt werden kann. Die phantastische Kreativität des Begehrens ist unendlich, eben weil es niemals befriedigt werden kann. In alten Zeiten wurde versucht es in Schach zu halten. Die Kirche predigte Enthaltsamkeit von der unmittelbaren Verfolgung des Begehrens und versprach Erfüllung im Jenseits. Das Streben nach mehr war den Königen vorbehalten. Für die Phantasie der Bevölkerung wurde mit dem Paradies ein einziges Objekt des Begehrens vorgegeben. Spätestens Ende des 18 Jahrhundert konnte dieses starre Paradigma seine Aufgabe nicht mehr erfüllen. Mit der Industrialisierung und der Entstehung des Kapitalismus veränderte sich das Verhältnis zum Begehren grundlegend. Der Wunsch nach Wachstum, Fortschritt und persönlichem Erfolg wurde nicht mehr unterdrückt, sondern systematisch angeheizt. Die Moral der Moderne verspricht Erfüllung im Diesseits aber verschiebt das Begehren von einem Objekt zum nächsten, ohne endgültige Sättigung. Diese Unabschließbarkeit ist es, die den endlosen Fortschritt von Kultur, Sprache und Kreativität antreibt, aber auch Unzufriedenheit und innere Zerrissenheit hervorbringt. Unabhängig vorauf findet also immer eine gewisse Verschiebung statt. Anstatt den Mangel anzuerkennen, versucht das Begehren, ihn zu füllen. Der Mangel des Menschen kann nie vollständig gefüllt werden. Er kann sich dieser Realität aber auch nicht vollständig bewusst werden. Sexualität findet genau in dieser Struktur statt.Die Phantasie
“Das Fehlen einer festen Formel für das sexuelle Verhältnis wird durch phantasmatische Zusätze kompensiert, die konstitutiv für die menschliche Sexualität sind. Sie ist es, was tierische Paarung in menschliche Erotik verwandelt…” – Slavoj ZizekMenschen wählen ihre Sexualpartner primär danach aus, inwiefern sie ihren Vorstellungen entsprechen. Die Kriterien entsprechen keinen biologisch determinierten Notwendigkeiten. Ideale, Werte und Schönheit liegen im Auge des Betrachters und werden in der Phantasie strukturiert. Deshalb können manche Flugzeuge genauso erotisch finden wie andere ihre Traumfrau. Die Amerikanerin Erika LaBrie heiratete 2007 den Eiffelturm und änderte ihren Namen in Erika Eiffel. Die Phantasie entsteht ihrerseits hauptsächlich durch Interpretation der Umwelt. Natürlich sind auch innerphysische Eindrücke sowie bestimmte Veranlagungen miteinzubeziehen, aber maßgeblich entsteht sie als ein Abbild der Außenwelt. Begehren ist immer vermittelt. Es gibt kein natürliches Begehren. Deshalb begehrten die Menschen zu verschiedenen Zeiten vollkommen verschiedenes. Die verschiedenen Schönheitsideale im Laufe der Geschichte sind nur ein Beispiel. Dies erklärt die sonst unerklärbaren phantastischen Verschiedenheiten der menschlichen Sexualität und auch, warum sie so empfindlich ist. Vermutlich hat jeder mehr Beispiele für die Fragilität sexueller Erregung als ihm lieb ist. Sie ist keine triebhafte Konstante, die auf ihren Einsatz wartet, sondern ein phantasmatisches Konstrukt, das sorgsam in der Vorstellung aufgebaut und behütet werden muss. Eine falsche Bemerkung, eine kleine Unachtsamkeit und dahin ist die Lust. Sie entsteht durch bewusste oder unbewusste Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die erotischen Aspekte des Erlebens. Wird diese Fokussierung gestört, verschwindet auch die Erotik.
“…Bebt beispielsweise ein Mann vor Erregung beim Anblick der Vagina, kann es sein, dass durch ein kurzes Moment der Irritation dieser phantasmatische Schleier zerreißt und der erotische Zug zum Erliegen kommt… – Slavoj Zizek
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