Die Empathie ist der heilige Gral der Moderne. Empathisch zu sein, ist eine Auszeichnung. Eine Tugend. Gleichzeitig behaupten viele Menschen, unter dieser Eigenschaft zu leiden, weil es ihnen erschwert, sich ausreichend von den Empfindungen und Gefühlen anderer abzugrenzen.
Dabei handelt es sich allerdings um eine Begriffsverwirrung. In diesem Artikel wird gezeigt das mangelnde Ich-Grenzen keineswegs im Zusammenhang mit Empathie steht.
Hinter dem Begriff verbinden sich verschiedene Konzepte. In diesem Beitrag geht es deshalb darum, aufzuzeigen, wie im Laufe der Zeit die Tendenz von der ursprünglichen Bedeutung, dem Projizieren der eigenen Emotionen, über das Einfühlen in einen anderen immer weiter in Richtung emotionaler Ansteckung gedriftet ist und welche Probleme diese Verschiebung mit sich bringt.
Es wird gezeigt, dass erwachsene Empathie keineswegs bedeuten kann, die Gefühle anderer zu übernehmen. Es ist kein ‚Zuviel‘ an Empathie, das zu der Wahrnehmung führt, den Empfindungen der anderen ausgeliefert zu sein, sondern ein gänzlich anderes Phänomen, welches sich ergibt, wenn Ich-Grenzen nicht ausreichend entwickelt oder wahrgenommen werden. Sicherlich kann echte Empathie im Sinne eines gefühlsvollen Miteinander auch für Menschen erlebbar sein, die in manchen Kontexten dazu tendieren ihre Ich-Grenzen zu überschreiten, aber um letzteres zu vermeiden ist es wichtig beide Phänomene von einander zu trennen. Auch begrifflich. Empathie ist nicht gleich emotionale Ansteckung.
Die Geschichte der Empathie
Was viele nicht wissen ist, dass der Begriff der Empathie noch sehr jung ist. Erstmals tauchte er 1908 auf. Damals mit einer vollkommen anderen Bedeutung. Genauer gesagt bedeutete er das Gegenteil des heutigen Verständnis.
Der Begriff stammt (wie z.B. die Romantik) aus der Kunst und beschrieb die Fähigkeit, seine eigenen Gefühle und Vorstellungen auf Kunstobjekte zu projizieren. Abstrakte Linien erscheinen wie in fließender Bewegung, weil sie die innere Dynamik des Betrachters widerspiegeln.
Basierend auf der „Theorie zur Einfühlung“ von Theodor Lipps (1851-1914) begannen Psychologen in den 30er Jahren, dieses Konzept auf den Menschen anzuwenden. Jemand könnte zum Beispiel seine eigenen Erinnerungen von Traurigkeit auf die Expressionen einer anderen Person anwenden, um ein tieferes Gefühl für das Gegenüber zu bekommen.
Es ging also darum, eine Resonanz zu schaffen durch das einbringen der eigenen Gefühle.
Im Zweiten Weltkrieg wurde von deutschen Wissenschaftlern damit experimentiert, ob es möglich ist, mit Empathie Aussagen über die Absichten und Gefühle einer anderen Person zu treffen, ohne diese durch die eigenen Ideen zu kontaminieren. Der zeitliche Kontext legt nahe, dass diese Forschung nicht im Sinne des Miteinanders getroffen wurde, sondern eher als Machtinstrument eingesetzt werden sollte.
Empathie wurde seit dem zunehmend als die Fähigkeit definiert, präzise Vorhersagen über die Gedanken und Gefühle anderer zu treffen, ohne sie durch die eigenen Gefühle zu beeinflussen. Hier zeigt sich ein Übergang von der Intention, einfühlsame Verbindungen zu fördern, hin zum Lesen (und Kontrollieren) von Menschen.
Aus der subjektiven Interaktion, in der Empathie als ein Zusammenkommen verschiedener Positionen beschrieben wird, entstand die Phantasie einer gottähnlichen Position, von der aus eine Beobachtung ohne Beobachter möglich wird. Andere lesen zu können, fasziniert seit jeher vor allem diejenigen, die durch diese Fähigkeit irgendeine Art von Überlegenheit erreichen wollen.
