PSYCHODYNAMIK
Psychodynamische Abwehrmechanismen
Wie die Psyche sich schützt
Abwehrmechanismen sind ein Schlüssel zum psychodynamischen Verständnis der menschen Psyche. Vieles davon ist allgemein bekannt. Begriffe wie Verdrängung, Projektion oder Verleugnung gehören längst zur Alltagssprache, doch ihre Bedeutung wird häufig missverstanden.
Abwehr erscheint dabei häufig als etwas grundsätzlich Problematisches, etwa als Ausdruck mangelnder Einsicht oder als Ausweichen vor der Wahrheit. Dieses einseitige Bild übersieht, dass Abwehrmechanismen auch in einer gesunden Psyche ständig aktiv sind. Sie strukturieren unser Fühlen, Denken und Handeln und werden erst unter bestimmten Umständen zum Störfaktor. In einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie wird Abwehr deshalb in ihrer stabilisierenden Funktion gewürdigt und behutsam erkundet, wo und wie sie sich an die aktuellen Lebensumstände anpassen lässt. Dabei geht es nicht darum, Abwehr pauschal abzubauen.
Dieses Verständnis kann auch für andere Therapieformen und die persönliche Entwicklung wertvoll sein. Das Wissen um ihre verschiedenen Formen und Funktionen hilft, die individuelle Entwicklung so zu gestalten, dass innere Sicherheit erhalten bleibt und zugleich neue Möglichkeiten des Fühlens, Denkens und Handelns entstehen.Was dich in diesem Artikel erwartet
In diesem Artikel geht es deshalb um ein umfassenderes Verständnis psychischer Abwehr. Im ersten Teil werden drei grundlegende Faktoren betrachtet, die ihre Wirkung beeinflussen: Reifegrad, Flexibilität und Variabilität. Anschließend folgt eine ausführliche Liste der Abwehrmechanismen mit jeweils einem Beispiel für ihre hilfreiche und ihre einschränkende Ausprägung.
Primitive und reife Abwehrmechanismen
Ob Abwehrmechanismen einen förderlichen oder schädlichen Einfluss haben, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab.
Wie differenziert wir mit belastenden Gefühlen und inneren Konflikten umgehen.
Wie gut wir unsere Abwehr an die jeweilige Situation anpassen können.
Wie viele unterschiedliche Möglichkeiten uns zur Bewältigung von Belastungen zur Verfügung stehen.
Reifegrad
Die Psychodynamik ist im Wesentlichen eine Entwicklungspsychologie und betrachtet die Reifung der Psyche vom Säugling bis zum Erwachsenen. Naturgemäß stehen jungen Menschen für den Umgang mit inneren sowie äußeren Belastungen weniger ausgefeilte Umgangsformen zur Verfügung als Erwachsenen. Wenn die Entwicklung der Abwehr stagniert, kann dies dazu führen, dass einem Menschen für seine aktuelle Lebenssituation keine angemessenen Mechanismen zur Verfügung stehen.
Beispielsweise sind Kinder stark auf interpersonelle Abwehr angewiesen. Bezugspersonen werden für emotionale Spannungen verantwortlich gemacht und helfen ihnen, belastende Gefühle zu bewältigen. Bleibt diese Abwehr im Erwachsenenalter vorherrschend weil keine reiferen Umgangsformen gelernt wurden, kann das Beziehungen erheblich belasten und das Leben einschränken.
Flexibilität
Unabhängig davon, ob ein Abwehrmechanismus reif oder unreif ist, kann ein rigides Beharren auf wenigen Bewältigungsformen der Komplexität des Lebens nicht gerecht werden. Auch wenn der Humor als reifer Abwehrmechanismus es erlaubt, aus schwierigen Situationen etwas Positives zu machen, wird es verheerende Auswirkungen haben, wenn jemand alles ins Lächerliche ziehen muss, um mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Dasselbe gilt für Menschen, die durch den Erfolg im Beruf andere Unsicherheiten ausgleichen können, aber außerhalb dieses sicheren Rahmens ihr Leben und ihre Beziehungen verkümmern lassen.
Variabilität
Damit einher geht die Notwendigkeit, über ein möglichst breites „Arsenal“ an Abwehrmechanismen zu verfügen. Flexibilität allein reicht nicht aus, solange keine Alternative zu den dysfunktionalen Formen bereitsteht. In einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie geht es deshalb nicht nur darum, Abwehr abzubauen, um die dahinterliegenden Gefühle und Konflikte zu verarbeiten, sondern auch darum, verschiedene Mechanismen zu entwickeln, die einen flexiblen Umgang mit unterschiedlichsten Belastungen ermöglichen.
Liste der Abwehrmechanismen
Die chronologische Auflistung folgt der eben angesprochenen Entwicklung immer höherer Reifegrade von unreifen (primitiven) zu reifen Abwehrmechanismen.
Dabei ist es wichtig zu berücksichtigen, dass psychische Störungen nicht per se durch das Vorhandensein unreifer Mechanismen entstehen, sondern durch das Fehlen reifer. Auch gesunde Erwachsene können bei besonderen Belastungen auf primitive Abwehrmechanismen zurückgreifen. Zum Beispiel kann beim Tod eines geliebten Menschen die anfängliche Verleugnung eine Phase des Trauerprozesses sein. In solchen Fällen ist es normal, wenn der Betroffene in den ersten Tagen und Wochen nicht ganz realisiert, dass der andere wirklich nicht mehr lebt, und sich vielleicht vorstellt, er würde jeden Moment durch die Tür kommen oder der Trauerfall wäre in Wahrheit nur ein schlechter Traum gewesen. Wenn er nach dem ersten Schock den Mechanismus wieder einstellen kann, um die dahinterliegende Trauer zu verarbeiten, zeigt dieser Ablauf deutlich, dass es immer auf ein Zusammenspiel der oben genannten Faktoren mit der jeweiligen Situation ankommt.
Um das zu verdeutlichen, finden sich bei jedem Abwehrmechanismus eine allgemeine Beschreibung und jeweils ein Beispiel dafür, wie er sich produktiv oder destruktiv auswirken kann.
Primäre/primitive Abwehrmechanismen
Primäre Prozesse verändern das Erleben meist umfassend und unterscheiden weniger deutlich zwischen eigenen Gefühlen und äußerer Realität. Sie können vor Überforderung schützen, bei starrem Einsatz jedoch die Wahrnehmung und Beziehungen erheblich beeinträchtigen.
1. Rückzug/Ich-Einschränkung
Eine Person schützt sich vor belastenden Erfahrungen, indem sie sich innerlich oder äußerlich aus der Konfrontation damit zurückzieht. Fantasien können an die Stelle der äußeren Wirklichkeit treten.
Schützend: In einer unvermeidbaren, überwältigenden Situation schafft der Rückzug in eine Fantasiewelt vorübergehend Abstand zur Angstquelle. Das kann etwa in Gefangenschaft oder bei Missbrauch vorübergehend vor Überlastung schützen.
Einschränkend: Auch bei alltäglichen Konflikten zieht sich die Person dauerhaft zurück; notwendige Gespräche und Entscheidungen bleiben aus. Auf dauer wird die charakterliche Entwicklung gestört.
2. Verleugnung
Eine belastende Realität oder ihre Bedeutung wird innerlich nicht anerkannt. Umgangssprachlich „verschließt man die Augen“ vor der Realität.
Schützend: Nach einer erschütternden Nachricht wird deren volle Tragweite zunächst nicht aufgenommen. Die Belastung erreicht die Person dadurch nicht auf einmal, sondern kann stückweise zugelassen und verarbeitet werden.
Einschränkend: Eine eindeutig beendete Beziehung wird dauerhaft als fortbestehend behandelt, sodass die Auseinandersetzung mit dem Verlust ausbleibt. Negative Eigenschaften der eigenen Person oder anderer Personen werden ausgeblendet.
3. Omnipotente Kontrolle
Das Gefühl, umfassenden Einfluss zu besitzen und auch Umstände kontrollieren zu können, die sich in der Realität nicht kontrollieren lassen.
Schützend: Ein vorübergehend übersteigertes Vertrauen in die eigenen Einflussmöglichkeiten hilft einer Person, in einer Krise aktiv zu werden. Nach dem Motto „Ich kann alles schaffen“ werden Zweifel und Unsicherheiten kurzzeitig überspielt.
Einschränkend: Jemand glaubt, tatsächlich alles schaffen zu können, wenn er nur genügend Kontrolle über sich und andere aufbaut. Dieser Mechanismus steht häufig hinter übergriffigem, unmenschlichem Verhalten.
4. Idealisierung und Abwertung
Andere Menschen erscheinen perfekt oder vollständig wertlos. Ihre widersprüchlichen Eigenschaften lassen sich schwer zusammenhalten. Im Alltag wird alles und jeder bewertet.
Schützend: Die vorübergehende Idealisierung einer helfenden Person vermittelt in einer schweren Krise Sicherheit und Hoffnung. Bei anstehenden Operationen kann es hilfreich sein, den eigenen Arzt als „den besten Arzt“ wahrzunehmen.
Einschränkend: Sobald diese Person enttäuscht oder eine Grenze setzt, wird sie vollständig abgewertet und ihre bisherige Unterstützung bedeutungslos. Dadurch kann es schwerfallen, langfristig erfüllende Beziehungen zu führen.
5. Projektion
Eigene Gefühle, Erwartungen oder Impulse werden im Gegenüber wahrgenommen, ohne ihren Ursprung im eigenen Erleben ausreichend zu erkennen.
Hilfreich: Die eigene Erfahrung von Unsicherheit hilft, sich die Nervosität eines neuen Kollegen vorzustellen. Die Vermutung bleibt korrigierbar. Dieser Vorgang ist eng mit unserer Fähigkeit zur Empathie verbunden.
Einschränkend: Eigene feindselige Impulse bleiben unerkannt; stattdessen erscheinen andere Menschen durchweg aggressiv und bedrohlich. Im Extrem kann sich dies zur Paranoia ausweiten.
6. Introjektion
Eigenschaften anderer und Beziehungserfahrungen werden in die eigene Innenwelt aufgenommen.
Hilfreich: Die beruhigende Haltung einer verlässlichen Bezugsperson wird verinnerlicht und vermittelt später auch in deren Abwesenheit Sicherheit.
Einschränkend: Wiederholte Abwertungen werden als Wahrheit über die eigene Person übernommen: „Mit mir stimmt grundsätzlich etwas nicht.“
7. Projektive Identifikation
Einem Gegenüber werden bestimmte Eigenschaften dermaßen zugeschrieben, dass es sie tatsächlich annimmt. Im anderen werden Gefühle ausgelöst, die selbst nicht gefühlt oder reguliert werden können.
Potenziell hilfreich: Eine Person kann ihre Traurigkeit noch nicht selbst wahrnehmen oder benennen. Im Kontakt wird dieser Zustand für das Gegenüber spürbar und kann gemeinsam verstanden werden.
Einschränkend: Jemand erwartet Ablehnung und begegnet anderen anhaltend anklagend. Diese ziehen sich schließlich zurück, wodurch sich die ursprüngliche Erwartung bestätigt. Es kommt zur sogenannten „selbsterfüllenden Prophezeiung“.
8. Spaltung
Positive und negative Seiten einer Person oder Erfahrung bleiben emotional voneinander getrennt. Das Erleben wird von „ganz gut“ oder „ganz schlecht“, „Feind oder Freund“ bestimmt.
Kurzfristig schützend: In einer überwältigenden Situation schafft eine eindeutige Einteilung zunächst Orientierung und vermindert schwer erträgliche Widersprüche.
Einschränkend: Ambivalente Eigenschaften und Gefühle derselben Person können nicht als zusammengehörig begriffen werden. Man selbst oder andere werden in starren Entweder-oder-Kategorien erlebt.
9. Somatisierung
Emotionale Belastungen drücken sich körperlich aus, während die zugehörigen Gefühle schwer zugänglich bleiben.
Mögliche Schutzfunktion: Eine noch nicht erfassbare Überforderung wird körperlich spürbar. Dadurch kann eine Unterbrechung der Belastung oder Unterstützung möglich werden.
Einschränkend: Jemand empfindet seine belastende Lebenssituation als nicht weiter schlimm, entwickelt aber ein Magengeschwür als Folge des unterdrückten Stresses.
Die Beschwerden sind real und nicht absichtlich erzeugt. Mögliche körperliche Ursachen müssen unabhängig von einer psychodynamischen Deutung berücksichtigt werden.
10. Ausagieren – defensives Enactment
Innere Konflikte werden in Handlungen ausgedrückt, statt bewusst erlebt und verstanden zu werden.
Kurzfristig schützend: Nach einer Kränkung beendet jemand abrupt ein Gespräch und gewinnt dadurch Abstand zu seiner momentan unerträglichen Verletzlichkeit.
Einschränkend: Jede Enttäuschung führt zum impulsiven Kontaktabbruch; die zugrunde liegenden Gefühle bleiben unverstanden und Beziehungen zerbrechen wiederholt.
11. Sexualisierung
Sexuelles Erleben dient dazu, andere belastende Gefühle zu regulieren.
Schützend: Erotische Fantasien verwandeln vorübergehend Gefühle von Unsicherheit in ein Erleben von Attraktivität und Lebendigkeit.
Einschränkend: Sexuelle Bestätigung wird zur einzigen Möglichkeit, Wertlosigkeit oder Leere abzuwehren; eigene Grenzen und andere Bedürfnisse geraten aus dem Blick.
12. Dissoziation
Normalerweise zusammenhängende Aspekte von Wahrnehmung, Erinnerung oder Selbstgefühl werden voneinander getrennt.
Kurzfristig schützend: Während eines überwältigenden Ereignisses entsteht eine innere Distanz, die dessen emotionale Wucht vermindert.
Einschränkend: Auch in ungefährlichen Alltagssituationen treten wiederholt starke Entfremdungsgefühle oder Erinnerungslücken auf, die Orientierung und Beziehungen beeinträchtigen.
Sekundäre Abwehrmechanismen
Sekundäre Prozesse bearbeiten meist gezielter bestimmte Gedanken, Gefühle oder Impulse. Ihre differenziertere Funktionsweise ermöglicht, dass der Realitätsbezug weitestgehend erhalten bleibt. Trotzdem kann übermäßiger Gebrauch verheerende Konsequenzen haben.
13. Verdrängung
Belastende Wünsche, Vorstellungen oder Gefühle werden unbewusst vom Bewusstsein ferngehalten. Anders als bei der Verleugnung bleiben die Inhalte zumindest teilweise zugänglich.
Schützend: Vorübergehende feindselige Wünsche gegenüber einer wichtigen Person bleiben unbewusst, sodass ein momentan schwer erträglicher innerer Konflikt gedämpft wird.
Einschränkend: Eigener Ärger bleibt dauerhaft unzugänglich. Die Person nimmt deshalb wiederholte Grenzverletzungen hin und kann ihre Bedürfnisse nicht wahrnehmen oder vertreten.
14. Regression
Unter Belastung werden frühere Formen des Erlebens und der Bewältigung wieder wirksam.
Schützend: Während einer Krankheit lässt eine sonst sehr selbstständige Person mehr Abhängigkeit zu und kann sich versorgen lassen.
Einschränkend: Bei jeder Schwierigkeit erlebt sie sich als vollständig hilflos und überlässt anderen dauerhaft alle Entscheidungen.
15. Affektisolierung
Das Wissen um eine Erfahrung bleibt erhalten, während das zugehörige Gefühl abgetrennt wird. Das Erleben oder die Erinnerung wirkt "neutral".
Hilfreich: Während einer akuten Notlage bleibt eine Person emotional distanziert genug, um notwendige Hilfe zu organisieren. Das hilft, „nicht in Panik zu geraten“.
Einschränkend: Menschen können über Belastungen nur sachlich sprechen, während die dazugehörigen Emotionen unzugänglich bleiben. Sie wirken auch sonst eher kalt und rational.
16. Intellektualisierung
Abstraktes Denken und Erklären halten die emotionale Bedeutung einer Erfahrung auf Abstand.
Hilfreich: Nach einer belastenden Nachricht ermöglicht eine analytische Haltung, zuerst Informationen zu ordnen und Orientierung zu gewinnen: „Nichts überstürzen.“
Einschränkend: Eine Person erklärt ihre Trennung ausschließlich anhand psychologischer Theorien und findet keinen Zugang zu ihrer Trauer. Solche Menschen philosophieren lieber über existenzielle Probleme, anstatt ihre eigenen wirklich anzugehen.
17. Rationalisierung
Plausible Erklärungen verdecken schwer akzeptierbare Gefühle oder Motive.
Schützend: Nach einer Absage betont jemand zunächst die Nachteile der Stelle und bewahrt dadurch genug Selbstvertrauen für weitere Bewerbungen.
Einschränkend: Für jeden Missstand gibt es eine Rechtfertigung. Alles wird zerdacht, abgewägt und relativiert, anstatt den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu vertrauen.
18. Kompartmentalisierung – Abschottung
Widersprüchliche Überzeugungen oder Verhaltensweisen bleiben innerlich voneinander getrennt.
Kurzfristig schützend: Eine Person erhält ihre Bindung an einen wichtigen Menschen aufrecht, indem sie dessen verletzendes Verhalten vorerst nicht mit ihrem positiven Bild von ihm zusammenbringt.
Einschränkend: Sie hält sich aufrichtig für kompromisslos ehrlich und täuscht gleichzeitig regelmäßig andere, ohne den Widerspruch anzuerkennen.
19. Ungeschehenmachen
Eine Handlung soll einen belastenden Gedanken, Impuls oder ein Schuldgefühl unbewusst symbolisch aufheben.
Schützend: Nach unbewusstem Ärger zeigt sich jemand besonders zugewandt. Die Geste vermindert Schuldgefühle und kann wieder Nähe ermöglichen.Eine bewusste Entschuldigung oder Wiedergutmachung ist damit nicht gleichzusetzen.
Einschränkend: Belastende Gedanken müssen durch immer aufwendigere Rituale „neutralisiert“ werden, die zunehmend den Alltag bestimmen. Dieser Mechanismus steckt u.a. hinter Zwangshandlungen.
n.
20. Wendung gegen das Selbst
Ärger oder Kritik gegenüber anderen werden gegen die eigene Person gerichtet.
Kurzfristig schützend: Jemand gibt sich selbst die Schuld für den Streit mit einem cholerischen Kollegen. Dieser Mechanismus kann helfen den eigenen Verantwortungsbereich zu erweitern.
Einschränkend: Als erwachsene Person übernimmt es auch bei unfairer Behandlung automatisch alle Schuld. Berechtigter Ärger kann nicht ausgedrückt werden, sondern äußert sich in Selbstbeschuldigung und Selbstabwertung.
21. Verschiebung
Ein Gefühl wird von seinem ursprünglichen Bezug auf einen anderen verlagert.
Hilfreich: Nach einem belastenden Gespräch findet Ärger vorübergehend Ausdruck beim Sport, ohne jemanden zu verletzen.
Einschränkend: Nach einer Kränkung durch den Vorgesetzten wird die Wut am Partner oder an den Kindern ausgelassen.
22. Reaktionsbildung
Ein schwer akzeptierbarer Impuls wird durch eine gegenteilige Haltung abgewehrt.
Schützend: Rivalität gegenüber einem neuen Geschwisterkind wird in besondere Fürsorglichkeit umgewandelt und erleichtert zunächst das Zusammenleben.
Einschränkend: Jemand kann seinen Unmut nicht ausdrücken, sondern legt permanent eine "aggressive Freundlichkeit" an den Tag anstatt zu kommunizieren, was sie verärgert.
23. Reversion
Die eigene Position in einer Beziehungssituation wird umgekehrt, beispielsweise vom Empfangen zum Geben von Fürsorge.
Hilfreich: Eine Person, die selbst Hilflosigkeit erlebt hat, unterstützt andere und erfährt dabei Verbundenheit und Handlungsmacht.
Einschränkend: Sie kann ausschließlich helfen, aber selbst keine Hilfe annehmen, weil die eigene Bedürftigkeit unerträglich erscheint.
24. Identifikation
Eigenschaften anderer werden übernommen und können Sicherheit vermitteln.
Hilfreich: Eine unsichere Berufseinsteigerin übernimmt die ruhige Haltung einer erfahrenen Kollegin und entwickelt mehr Zutrauen.
Einschränkend: Um sich sicher und zugehörig zu fühlen, übernimmt jemand die Vorstellungen eines bewunderten Menschen so weitgehend, dass eigene Wünsche kaum noch berücksichtigt werden.
Besonders reife Formen innerhalb der sekundären Abwehr
25. Sublimierung
Konflikthafte Impulse finden einen konstruktiven, persönlich oder gesellschaftlich wertvollen Ausdruck.
Hilfreich: Eine Person bringt aggressive und rivalisierende Impulse in einen fairen sportlichen Wettkampf ein.
Mögliche Grenze: Der Sport wird zur einzigen Möglichkeit, innere Spannungen zu bewältigen. Beziehungen und andere Lebensbereiche werden vernachlässigt.
26. Humor
Humor macht belastende Erfahrungen erträglicher und schafft Abstand, ohne ihre Realität aufheben zu müssen.
Hilfreich: Jemand kann über seine Nervosität vor einem Vortrag schmunzeln und sich zugleich mit seiner Angst auseinandersetzen.
Einschränkend: Jeder Versuch eines ernsthaften Gesprächs wird mit einem Witz abgewehrt; Verletzlichkeit und Nähe bleiben ausgeschlossen.
Fazit: Abwehr verstehen und Entwicklung ermöglichen
Abwehrmechanismen lassen sich nicht pauschal in gut und schlecht einteilen. Entscheidend ist, ob sie zur jeweiligen Lebenssituation passen, flexibel eingesetzt werden können und genügend Alternativen zur Verfügung stehen. Auch eine reife Form der Abwehr kann einschränken, wenn sie zur einzigen Antwort auf unterschiedliche Belastungen wird.
Psychische Entwicklung bedeutet deshalb nicht, ohne Abwehr auszukommen. Sie bedeutet, das eigene Repertoire zu erweitern und Gefühle, Widersprüche und Beziehungen differenzierter erleben zu können. Wer die Funktion seiner Abwehr besser versteht, kann erkennen, was weiterhin Halt gibt – und wo neue Möglichkeiten entstehen dürfen.
