Antriebslosigkeit ist ein häufiges und gleichzeitig besonders schwerwiegendes psychisches Symptom. Viele Betroffene erleben sie nicht nur als Mangel an Energie, sondern als eine innere Schwere, die selbst kleinste Aktivitäten zur Belastung werden lässt. Dinge, die früher selbstverständlich waren, können sich plötzlich überwältigend oder kaum machbar anfühlen.
Oft tritt Antriebslosigkeit im Rahmen depressiver Zustände auf, sie kann jedoch auch unabhängig davon bestehen. In jedem Fall erzeugt sie einen hohen Leidensdruck – und blockiert gleichzeitig genau jene Schritte, die notwendig wären, um diesen Leidensdruck zu verringern.
Voraussetzung
Das Besondere an Antriebslosigkeit ist, dass sie nicht nur belastend ist, sondern auch jede Form von Veränderung erschwert. Selbst wenn Betroffene wissen, was ihnen helfen würde, fehlt häufig die innere Kraft, diese Schritte umzusetzen.
Genau daraus entsteht ein Teufelskreis:
Je weniger gehandelt werden kann, desto stärker wächst das Gefühl von Ohnmacht, Versagen und innerem Stillstand.
Auch wenn Antriebslosigkeit Ausdruck tieferliegender psychischer Prozesse sein kann, ist es therapeutisch sinnvoll, zunächst direkt beim Symptom anzusetzen. Nicht, um Hintergründe zu ignorieren, sondern weil ohne eine minimale Handlungsfähigkeit jede weitere Auseinandersetzung blockiert bleibt.
Der erste Schritt besteht daher nicht darin, alles zu verstehen oder zu verändern, sondern darin, überhaupt wieder ins Tun zu kommen – in einer Form, die realistisch möglich ist.
Wie Ratschläge zusätzlich belasten
Viele gut gemeinte Ratschläge lauten:
„Du musst einfach anfangen.“
„Geh raus, beweg dich, dann kommt die Energie schon.“
Das Problem an diesen Ratschlägen ist nicht, dass sie grundsätzlich falsch wären.
Sondern dass sie Ziel und Weg miteinander verwechseln.
Aktivität, Energie oder Motivation sind keine Startpunkte.
Sie sind Ergebnisse.
Wenn Antrieb fehlt, liegt die entscheidende Arbeit genau dort, wo diese Ratschläge nicht ansetzen: zwischen Stillstand und Bewegung.
Ein zentraler Ansatz bei ausgeprägter Antriebslosigkeit ist der gezielte Aufbau von Selbstwirksamkeit. Gemeint ist das innere Erleben, wieder Einfluss auf das eigene Handeln zu haben – selbst in sehr begrenztem Rahmen.
Dabei gilt:
Die Handlung muss tatsächlich umsetzbar sein
Die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung sollte möglichst nahe bei 100 % liegen
Der subjektive Erfolg ist wichtiger als der objektive Nutzen
Gerade zu Beginn sind sehr kleine Schritte nicht nur ausreichend, sondern notwendig.
Wieder in Schwung kommen
Auch wenn es sich so anfühlt, als sei „gar nichts mehr möglich“, gibt es fast immer minimale Handlungsspielräume. Diese können so klein sein, dass sie von außen betrachtet unbedeutend wirken.
Entscheidend ist nicht, was getan wird, sondern dass überhaupt gehandelt wird.
Denn jede bewusst ausgeführte Handlung aktiviert im Gehirn jene Netzwerke, die für Planung, Steuerung und Umsetzung zuständig sind. Auf diese Weise entsteht nach und nach wieder das Gefühl von Kontrolle und Einfluss.
Viele Betroffene verschlimmern ihren Zustand ungewollt, indem sie sich zu viel vornehmen. Große Ziele erzeugen Druck – und nicht selten Frustration, wenn sie nicht umgesetzt werden können.
Diese Frustration wirkt häufig destruktiv:
Sie verstärkt Selbstkritik, Rückzug und das Gefühl, endgültig festzustecken.
Therapeutisch gilt daher:
Lieber zu wenig als zu viel.
Der Aufbau von Selbstwirksamkeit ist wichtiger als jede Form von Leistung.
Den richtigen Ansatz finden
Antriebslosigkeit bedeutet nicht, dass nichts mehr möglich ist. Sie bedeutet, dass der Einstieg tiefer angesetzt werden muss als gewöhnlich. Dort, wo Handlungen nicht überfordern, sondern gelingen können.
Wenn diese ersten Schritte bewusst gewählt und umgesetzt werden, kann sich daraus langsam wieder Bewegung entwickeln – nicht durch Zwang oder Motivation, sondern durch Erfahrung.
Antriebslosigkeit ist kein Zeichen von Schwäche oder fehlendem Willen. Sie ist ein ernstzunehmendes psychisches Symptom, das gezielte, realistische und respektvolle Schritte erfordert.
Der Weg zurück beginnt nicht mit großen Zielen.
Sondern mit dem ersten Schritt, der wirklich erreichbar ist.
